Für Erstsemester aus Nanjing gab es dazu noch eine kleine Zusatzaufgabe: sie mussten eine Flugmaschine basteln, mit deren Hilfe ein Ei sicher die Wegstrecke zwischen der Spitze des Bambusmonuments und dem Boden des Platzes zurücklegen kann. Zwar sollte es schon ein funktionsgerechtes Flugzeug sein, aber der Professor gab zu, dass die Eier, die dabei zerbrochen sind, vielleicht sogar in den phantasievolleren Flugmaschinen Platz genommen hatten. Ein Bruchpilot wurde also nicht unbedingt mit einer schlechteren Note bestraft. Durch den Flug soll die Höhe erlebbar werden. Acht Meter sind nicht einfach nur eine Zahl, die sich leicht auf einen Bauplan schreiben lässt, sondern eine beträchtliche Erhebung über das Niveau des Platzes.
Das Denken in Alternativen zählte also nicht nur beim Bau von Flugapparaten, sondern vor allem beim Entwerfen. Im Grunde setzte man sich damit über die Vorgabe hinweg, einen einzigen Entwurf zur Platzgestaltung zu schaffen: „Wir wollen eher die Vielfalt der Prozesse darstellen, die wir miteinander gegangen sind. Das fördern wir überall in der Architekturlehre: Dass man bei architektonischen Lösungen in Alternativen denken muss. Teamarbeit und Alternativen sind das Wesentliche. Es gibt nicht nur die eine Lösung.“
Am Anfang des Workshops wollten die Studenten immer wissen, wie sie es machen sollten. Sie lebten in der Erwartung, belehrt zu werden und das Erlernte zu reproduzieren. „Ich habe ihnen aber erklärt, dass ich mich eher als Hebamme für die Ideen der Studenten verstehe. Was in dem Studenten drin ist, will ich herausholen. Bei solchen Entwurfsarbeiten vermeide ich es, darüber nachzudenken, wie ich es machen würde, das ist mir nicht wichtig. Ich möchte weiterentwickeln, was die Studenten auf den Tisch legen. Das ist im Architekturstudium in China vielleicht noch nicht überall so üblich. Den Studenten aber macht es sehr viel Spaß. Nur anfangs waren sie ein bisschen schockiert, dass sie selbst sagen müssen, welche Richtung ihr Projekt einschlagen soll.“
Stefan Meyer-Miethke kann sich gut vorstellen, im Sommer wieder nach Nanjing zu kommen. Seine chinesischen Kollegen seien sehr nett, und er fühle sich gut in den Lehrbetrieb integriert. „Die Studenten lernen viel und ich lerne viel von ihnen. Das ist eine prima Erfahrung hier!“